Einsamkeit unter Beschäftigten: Wie Betriebe gegensteuern können

Rund 17 Prozent der Erwachsenen in Deutschland fühlen sich sehr einsam – mit enormen Auswirkungen auf die Gesundheit. Immer mehr Betriebe und BGM-Verantwortliche erkennen den Handlungsbedarf. Doch was genau begünstigt Einsamkeit am Arbeitsplatz, welche Risikogruppen gibt es – und wie wird das Thema sein Tabu los? Der Psychiater und Stressforscher Prof. Dr. med. Mazda Adli und Soziologe Dr. Martin Gibson-Kunze teilten beim lunch & learn, dem Talkformat von „BGM 4.0”, aktuelle Einblicke in die Forschung.
Tabuthema Einsamkeit: Weit verbreitet, schwere Gesundheitsfolgen

Schon früh macht Prof. Dr. med. Mazda Adli, Psychiater, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Stressforscher an der  Berliner Charité, in seinem Impulsvortrag klar: Einsamkeit ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Etwa ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland fühlt sich zumindest teilweise einsam. Rund 17 Prozent fühlen sich dabei stark einsam. Das zeigen aktuelle Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

 

Vor allem die Werte bei jungen Erwachsenen haben sich nach der Pandemie nicht erholt und bleiben weiterhin hoch. Dass Einsamkeit gerade im jungen Erwachsenenalter auftrete, liege daran, dass die Lebensphase von Übergängen geprägt ist – etwa Ausbildung, Berufseinstieg, Partnersuche, Identitätsfragen oder Ortswechsel.

 

Anders als Alleinsein, das als wohltuend und positiv empfunden werden kann, entsteht Einsamkeit, wenn unsere gewünschten sozialen Beziehungen nicht mit der Realität übereinstimmen. „Damit ist Einsamkeit streng genommen ein Warnsignal unseres sozialen Gehirns, dass uns soziale Verbundenheit fehlt”, erklärt Adli.

 

Als starker, sozialer Stressor wirkt sich Einsamkeit enorm negativ aus – auf Stoffwechsel, Immunsystem oder Herz-Kreislauf-Funktionen. Sie erhöht das Risiko für Depressionen, Angst oder Suchterkrankungen sowie das Sterberisiko, laut Studien um 26 Prozent. „Damit gehört Einsamkeit zu den stärksten bekannten Gesundheitsrisiken, die wir kennen”, so Adli.

17
%
der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland fühlen sich stark einsam.
26
%
erhöhtes Sterberisiko durch Einsamkeit.
871
Tsd.
Todesfälle pro Jahr laut WHO mit Einsamkeit in Verbindung gebracht.
Neue Sprache für ein Tabu finden

Hinzu kommt das Stigma, das Einsamkeit anhaftet. Alleine ins Restaurant oder Kino zu gehen, passt nicht in die gesellschaftliche Vorstellung von sozialer Kompetenz. Biologisch will unser soziales Gehirn Ausschluss jeder Art vermeiden. Nicht umsonst wird Einsamkeit von vielen Menschen mit persönlichem Versagen gleichgesetzt. „Solange Einsamkeit schambesetzt bleibt, bleibt sie unsichtbar”, sagt Adli. „Und was unsichtbar ist, können wir nicht wirksam angehen“.

 

Um dem Tabu entgegenzuwirken, brauche es laut Adli eine neue Sprache, die Einsamkeit als menschliche Grunderfahrung begreift. Zudem brauche es gesellschaftliche Lösungen. Orte, die Begegnung ermöglichen. Öffentliche Plätze, Parks, kulturelle Einrichtungen. Die Arbeitswelt sieht Adli als zentralen Teil der Lösung, da sie einer der Orte ist, an denen Menschen soziale Kontakte haben. Arbeitgeber und Unternehmen können dafür sorgen, dass Arbeitsplätze Orte der Begegnung sind – und bleiben.

  • „Solange Einsamkeit schambesetzt bleibt, bleibt sie unsichtbar. Und was unsichtbar ist, können wir nicht wirksam angehen.”
    – Prof. Dr. med. Mazda Adli
Arbeit als Schutzfaktor – und Teil der Lösung

Im zweiten Teil der Veranstaltung präsentierte Dr. Martin Gibson-Kunze, Soziologe am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (ISS), erste Ergebnisse aus dem Projekt „Einsamkeit in der Arbeitswelt“, das Einflussfaktoren für Einsamkeit im Arbeitsumfeld untersucht und vom BKK Dachverband e.V. gefördert wird. „Einsamkeit ist weniger eine Frage des Alters, sondern der Lebenssituation”, erklärt der Experte.

 

Als Risikofaktoren nennt der Experte vor allem biografische Übergänge wie den Berufseinstieg, Veränderungen im Job oder die Familiengründung. Soziale Routinen und Kontakte entfallen, verändern sich, bilden sich neu – mit entsprechenden Folgen für das Einsamkeitserleben.

 

Arbeit ist dabei ein Schutzfaktor gegen Einsamkeit. Aber: Sie verhindert Einsamkeit nicht per se. Auch hier kommt es auf die Bedingungen an: Wer alleine wohnt, alleinerziehend ist und Care-Arbeit leistet, ist stärker von Einsamkeit betroffen. Wer hoch belastet ist, viel Verantwortung trägt und wenig Unterstützung bekommt, dem fehlen oft Zeit und Energie für soziale Kontakte. Auch die subjektive Gesundheit spielt eine Rolle.

 

Die vom ISS durchgeführte Studie zeigt zudem einen großen Zusammenhang zwischen der Arbeitszufriedenheit, der Qualität der Arbeitserfahrung und dem Einsamkeitsempfinden: Wer keine Freude an der Arbeit hat, sie als sinnlos oder belastend empfindet, berichtet eher von Einsamkeit als jene, die das nicht tun. „Es geht also nicht darum, ob Menschen arbeiten, sondern wie sie die Arbeit erleben”, schlussfolgert Gibson-Kunze.

  • „Wer Arbeit organisiert, gestaltet immer auch soziale Beziehungen.“
    – Dr. Martin Gibson-Kunze

Teamarbeit oder volle Terminkalender sind dabei keine universellen Heilmittel. „Echte Verbundenheit und Commitment entstehen nicht automatisch, nur weil Menschen im Team arbeiten”, sagt Kunze. „Nicht die Anzahl der Kontakte zählt, sondern die Qualität.” Das gilt auch für das Homeoffice: Nicht der Arbeitsort entscheidet, sondern, wie gut Menschen im Team eingebunden sind. „Gut gestaltete mobile Arbeit kann sogar entlasten, wenn man Care-Arbeit leisten oder pendeln muss”, so Gibson-Kunze.

 

Betriebe haben laut dem Experten einen direkten Hebel, da sie die soziale Verbundenheit in Unternehmen prägen. „Wer die Arbeit gestaltet, gestaltet immer auch soziale Beziehungen ”, sagt Gibson-Kunze. Ein wichtiges Ziel ist, einsamkeitssensible Strukturen zu schaffen. Dazu gehört die Erhebung, wer im Unternehmen betroffen ist und welche Risikogruppen existieren – etwa um gezielte Angebot für Azubis, neue Mitarbeitende und Alleinerziehende zu schaffen –, aber auch die Schaffung von Begegnungsorten und Fußwegen, die Menschen zusammenbringen und informellen Austausch erleichtern.

Appell: Das Tabuthema besprechbar machen

Einsamkeit ist kein privates Versagen, sondern ein ernstzunehmendes Public-Health-Thema, das nicht vor dem Werkstor halt macht. Darin sind sich die Experten einig. Der entscheidende erste Schritt für Unternehmen besteht darin, das Thema aus der Tabuzone zu holen und es „besprechbar” zu machen. Erkennen Betriebe ihre Rolle als soziale Räume an und rücken die Qualität der Beziehungen in den Fokus, leisten sie einen unverzichtbaren Beitrag zur Gesundheit und Leistungsfähigkeit ihrer Beschäftigten. Und nicht zuletzt zum sozialen Miteinander.

Weiterführende Infos zum Thema
  • Mit der Einsamkeitskampagne auf „Mein Phileo” machen die Betriebskrankenkassen Beschäftigte derzeit aktiv auf das Thema aufmerksam. Auf der Gesundheitsplattform erfahren sie einfach und verständlich, warum Einsamkeit ungesund ist, was sie im Alltag gegen Einsamkeit tun können – egal ob sie selbst oder andere in ihrem Umfeld betroffen sind. 

 

  • Auf dem LinkedIn-Kanal BGM 4.0 teilen wir Infos, Impulse und Perspektiven rund um das Thema BGM und allem, was damit einhergeht.

 

 

 

Über die Experten

Prof. Dr. med. Mazda Adli ist Psychiater, Stressforscher und renommierter Experte für das Thema Einsamkeit. Er ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und leitet an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin den Forschungsbereich „Affektive Erkrankungen“. Sein persönliches Rezept gegen Einsamkeit ist die Musik: Im Jahr 2000 hat er gemeinsam mit Kolleg:innen die „Singing Shrinks“ gegründet, den einzigen Chor weltweit, der nur aus Psychiater:innen, Neurolog:innen und Psycholog:innen besteht.

 

→ Zur Website von Mazda Adli

 

Dr. Martin Gibson-Kunze ist Soziologe und hat in Deutschland und Dänemark studiert. Er ist seit 2021 tätig beim Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (ISS). Er ist dort im Projekt-Kompetenznetz Einsamkeit tätig, das vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren und Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert wird. Er ist außerdem Mitautor des Einsamkeitsbarometers 2024 und 2025 und Teil des BKK Dachverband e.V. geförderten Projekts „Einsamkeit in der Arbeitswelt”.

 

→ Zur Website des ISS e.V.

 

Das lunch & learn zum Thema Einsamkeit am Arbeitsplatz moderierten Helene Schäfer und Julia Reichardt vom BKK Dachverband e.V.

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